Malerei der Haiying Xu
Die junge chinesische Malerin Haiying Xu verbindet in ihrer Malerei Elemente aus Ost und West und spielt mit den Sehnsüchten der Menschen. Zentrales Thema in Haiying Xu`s Arbeiten ist die Erforschung ihrer eigenen Identität. So setzt sie sich in den immer wiederkehrenden Selbstportraits mit sich selbst auseinander. Sie begibt sich auf Spurensuche in ihrer Heimat China und dokumentiert und erforscht auf der Basis von Büchern und eigenen Fotografien die Wurzeln ihrer Kultur. In der großformatigen Serie"Chinesisches Märchen"geht sie zurück in ihre eigene Kindheit.
Eine Auseinandersetzung mit der chinesischen Tradition findet in der Serie""Pekingoper"statt. An dieser traditionellen chinesischen From der Oper fasziniert Haiying Xu besonders der hohe Symbolgehalt und die Verarbeitung von mythischen Gegebenheiten sowie die farbigen Kostüme. Denn stets ist sie fasziniert von starken Farben und Mustern,von der Ursprünglichkeit der Dinge. So ist es meist ein emotionaler Aspekt,der den Drang zu malen auslöst. ( Text : Anna Wondrak )
Seeadler,130x90cm,2008

Der chinesische Name Haiying bedeutet ins Deutsche übersetzt Seeadler, und mit der eigenen Person hat das Bild von Haiying Xu viel zu tun. Eine junge Frau mit auffälligem Kopfschmuck, der vielleicht an Kostüme aus der Peking-Oper erinnern mag, steht dort vor einem dunklen Hintergrund. Ein großes vogelartiges Fabelwesen ziert ihr Sweatshirt und täuscht durch die exotische Buntheit zunächst darüber hinweg, dass die Frau außer der chinesischen Haube westliche Freizeitkleidung trägt, nämlich zu dem gelben Sweatshirt eine mit Gittermuster dekorierte kurze Hose. Die Farbe der quadratischen Gitter und der Säume der Hosenbeine nimmt die Farbigkeit des Fabelvogels und der Haube wieder auf, deren helle Rosa-Töne sich wiederum optisch mit dem Teint des Gesichts verbinden. Die Frau blickt ernst auf den Betrachter, die Hände in den Hosentaschen. Keine emotionale Regung wird signalisiert. Durch ihre Aufmachung steht die Figur zwischen den Welten, zwischen Ost und West, und wenn man beginnt, den dunklen Hintergrund aufmerksam zu studieren, findet man weitere, genauere Hinweise darauf und auf die konkrete Situation, in der „Seeadler“ entstand.
Wie auf einer Schultafel sind rechts und links der Figur kleine Bilder und Worte, aber auch chinesische Schriftzeichen scheinbar aufgekritzelt. Schaut man auf Kopfhöhe links auf die Tafel, sieht man eine schematische Zeichnung des Münchner Siegestors, und darunter die Fassade der Akademie, genauer des Altbaus, in dem sich die Klasse der Malerin befindet. Am oberen Bildrand kann man als Münchner Symbol zudem die Zwillingstürme der Frauenkirche ausmachen. „Deutschland“ steht rechts davon geschrieben, chinesische Schriftzeichen tauchen auf, in arabischen Ziffern dagegen die Zahl 200 – eine Jubiläumszahl, denn 2008 beging die Akademie der Bildenden Künste in München den zweihundertsten Jahrestag ihrer Gründung. Rechts ist unter anderem ein Schmetterling auszumachen. Gedankenskizzen zu einer Situation des Neuen, des Aufbruchs aus der Heimat, aber auch der Verbundenheit mit dieser Herkunft kontrastieren in den zarten Kreidezeichnungen mit den blitzenden hellen Formen darunter. Sie strahlen eine unbestimmte bildnerische Energie aus, die zu der gefassten Schweigsamkeit der jungen Frau einen Gegenpol bildet. Nichts zu sagen bedeutet jedoch nicht, nichts zu denken. Ihre Nachdenklichkeit sieht man ihr förmlich an, und die Aufzeichnungen an der dunklen Tafel geben über die vielen konkreten und symbolischen Ebenen hinweg einen Hinweis auf das Biografische. Das Jahr 2008, das neben dem Jubiläum der Akademie und der 850-Jahr-Feier Münchens auch die Inszenierung der Olympischen Spiele in China bot, gab Anlass genug, über die Frage von Heimat und Identität nachzudenken. Die traditionelle Haube und die moderne Kleidung weisen zugleich darauf hin, dass es nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen den Generationen Unterschiede gibt – zwischen den Traditionen der Älteren und dem Aufbruch der Jüngeren etwa, und dass verschiedene Kulturen zusammen existieren können. Schließlich löst sich das Fabelwesen am Hals der jungen Frau von seinem westlichen Kleidungsstück, das längst international geworden ist, und scheint direkt auf ihre Haut gemalt zu sein. Der schreiende Vogel aber lässt sie selbst keine Miene verziehen, auch wenn er Teil ihrer Persönlichkeit sein sollte. ( Text: Jochen Meister )